Die Kunst des Aufschiebens

Lange schiebt man die Aufgabe vor sich hin. Die Deadline rückt immer näher. Dennoch erscheint es einem viel wichtiger, dass  die Küche geputzt, der Keller entrümpelt und  zu dem neuen Shirt passende Katzensocken auf Amazon gekauft werden müssen. Auch Youtube Videos und Artikel wie: “Quantenphysik einfach erklärt” oder “Wie intelligent sind Delphine?” sind plötzlich viel interessanter und füllen einen ganzen Nachmittag. Dies sind typische Anzeichen der häufig verschrienen Prokrastination, zu deutsch: “Aufschiebung”. Viele Menschen kennen das Problem und dennoch erwischt es sie immer wieder. Unliebsame Aufgaben, die wir eigentlich erledigen sollten, uns aber mit Missfallen und Unlust erfüllen, bleiben unerledigt, bis es kurz vor Abgabetermin unsere gesamte Kraft kostet, diese durch exzessives Durcharbeiten und schlaflose Nächte, im letzten Moment zu erledigen. Doch ist Prokrastination per se immer schlecht? Liegt in ihr nicht auch ein gewisses Potential?

Woher kommt der Drang zum Aufschieben?

Aufschieben scheint nur unter Menschen verbreitet zu sein. Tiere planen ihre Handlungen nicht so wie wir – mit dem sogenannten complex planning. Eine Biene fliegt los und sucht Nektar, sie bleibt nicht lieber in der Sonne sitzen und verschiebt die Arbeit auf morgen. Doch warum hat sich das Verhalten des Prokrastinierens bei uns ausgebildet? Evolutionär gesehen dürften sich nur Gene und Verhaltensweisen durchgesetzt haben, die einen evolutionären Überlebens- und somit Fortpflanzungsvorteil geschaffen haben. Die Gene zum Aufbau von Fettpolstern und die Vorliebe zu fettem und zuckerreichen Essen beispielsweise war früher unsere Lebensversicherung in Zeiten von Nahrungsknappheit . Wie steht es aber mit dem Aufschieben unliebsamer Tätigkeiten? Da wir Menschen all unsere Handlungen planen müssen, um erfolgreich zu sein (ein Beutetier zu erlegen mithilfe von Waffen und Strategien), ist es klar, dass wir verschiedene Pläne entwickelten und erst handelten, nachdem wir die beste Option abgewogen hatten. Aus heutiger Sicht, macht es also Sinn, dass wir nicht handeln, stehen wir vor einer Aufgabe ohne konkreten Plan. Die meisten Probleme sind relativ Komplex und wir wissen häufig nicht, wie wir diese angehen sollen. Das Schreiben einer Hausarbeit und die Steuererklärung wirken also wie unlösbare Probleme für uns und wir schieben sie vor uns hin, solange wir keine Ahnung haben, wie wir diese angehen sollen. Das Sicherheitsbedürfnis, nicht kopflos zu handeln, kann also zum Prokrastinieren führen. Dennoch gibt es durchaus auch andere Gründe, für das  Aufschieben.

Prokrastination als Störungsbild

Prokrastination ist definiert als eine Arbeitsstörung. Hierbei werden Aufgaben, die erledigt werden müssen, immer weiter aufgeschoben, selbst wenn daraus negative Konsequenzen folgen. Das Fertigstellen der Aufgabe kommt entweder gar nicht, oder nur unter enormem Druck zustande. Die Betroffenen leiden unter ihrem Verhalten, können trotzdem nicht damit aufhören. Unterschieden werden muss hierbei zwischen dem lediglichen Aufschieben aversiver Aufgaben (Steuererklärung, Bafög-Antrag), oder auch dem erfolgreichen Arbeiten kurz vor einer Frist, wenn dieses weder zu Leistungseinbußen noch zu subjektivem Leiden führt.

Alles andere als faul

Besonders häufig tritt das Aufschieben zutage, wenn die zu erledigende Aufgabe wenig konkret oder besonders umfangreich ist und vor allem als sehr unangenehm empfunden wird. Statt nun aber alternativ auf der faulen Haut zu liegen, sind Aufschiebene hingegen sehr aktiv. Häufig beschäftigen sie sich mit Tätigkeiten, die sofortigen Spaß, Zufriedenheit und positives Feedback versprechen. So kommt es zu Putzsessions und Aufräumaktionen.

Weniger zum Aufschieben neigt man, wenn die Aufgabe eigene kreative Lösungswege erfordert und man das Gefühl hat, die Aufgabe bringe einen wirklich weiter. Manchmal ist es allerdings sinnvoll, Aufgaben aufzuschieben.

Inkubationszeit für Ideenfindung

In den 4 Phasen der Ideenfindung ist es sinnvoll, sich zunächst von einer Aufgabe zu entfernen, um die Gedanken förmlich “reifen” zu lassen. Nach einer gewissen Zeit kommt es dann im besten Fall zur Ilumination- der Erleuchtung (der sog. Heureka-Effekt). Das kurzzeitige Aufschieben kann also für kreative Aufgaben von Vorteil sein. Außerdem kann das lange Aufschieben dazu führen, dass uns der so entstandene Druck einen Energieschub liefert und wir die Aufgabe endlich konzentriert fertigstellen können.

Der “Sägeblatt-Effekt”

Häufig können wir uns, beschäftigen wir uns mit unserer Arbeit, konzentriert und motiviert auf die Aufgabe fokussieren. Im besten Fall kommt es zum sogenannten Flow – Wir verschmelzen förmlich mit unserer Tätigkeit und merken gar nicht, wie die Zeit verrinnt. Leider gibt es einen Faktor, der uns dazu bringt, jedesmal wieder von Vorne zu beginnen, fallen wir einmal aus dem konzentrierten Arbeitsfluss heraus und das sind Unterbrechungen. Im Gegensatz zu Pausen sind Unterbrechungen massive Zeitfresser. Man benötigt für jede Aufgabe eine gewisse Zeit der Einarbeitung, um effektiv der Aufgabe nachgehen zu können. Werden wir nun ständig unterbrochen (aufploppende E-Mails, Textnachrichten, laute Gespräche…), müssen wir uns jedesmal wieder neu einarbeiten. Hier kann eine “Stille Stunde” Abhilfe schaffen- eine Stunde in vollkommener Ruhe, vorzugsweise in einem separaten Raum, in welcher man sich ausschließlich auf seine Aufgabe konzentriert.

Pausen planen

Pausen sind paradoxerweise ein wichtiges Mittel, um effektiv seinen Aufgaben nachzugehen. Man sollte nicht nur die Arbeit, sondern auch ganz gezielt seine Freizeit planen, nur so kann verhindert werden, aufgrund von Überforderung zu prokrastinieren. Optimal wäre es, nach einer Stunde des Arbeitens, 10 Minuten Pause einzulegen. Mehr über das sinnvolle Pausenmanagement erfahren Sie hier.

Eigene Deadlines setzen

Aber wie prokrastiniert man denn nun effektiv und sinnvoll? Jeder kennt wohl den Druck, wenn mal wieder eine Aufgabe “bis auf den letzten Drücker”  aufgeschoben wurde. Auf einmal schafft man es, innerhalb einer kurzen Zeit, maximale Leistung herauszuholen und das durchaus mit Erfolg. Diesen Effekt können wir uns zu nutze machen, indem wir die Deadlines für die zu erledigenden Aufgaben früher setzen. Muss ich zum Beispiel für eine Prüfung lernen, kann es sinnvoll sein, eine Woche vor der Prüfung in den Urlaub zu fahren, oder eine andere Unternehmung zu planen. Damit ich die Zeit genießen kann und ich mir meinen Urlaub nicht mit Lernen vermiese, bin ich gezwungen, den Lernstoff vorher zu bewältigen. Natürlich ist diese Maßnahme nicht für jeden geeignet. Zwanghafte Prokrastinierer schaden sich mit diesem Verhalten vermutlich selbst.

Konkrete Zielsetzung

Zudem funktioniert die Methode nur, wenn ein ausgereifter Plan vorhanden ist und Ziele präzise definiert werden. So kann man sich vornehmen, jeden Tag 1-2 Stunden zu lernen, oder den Zeitpunkt festlegen,wann welche Themen gelernt werden müssen.

Das Aufschieben von vermeintlich schwierigen und unliebsamen Aufgaben kann ganz schön schlauchen, da permanent ein schlechtes Gewissen plagt. Dennoch kann man das Aufschieben auch gezielt für sich nutzen, oder durch geeignete Strategien in den Griff bekommen. So oder so ist es immer sinnvoll, sein Verhalten zu hinterfragen und Prokrastination auch als Chance zu sehen. Oft sind es nämlich andere Gründe, die uns zum Aufschieben einer wichtigen Aufgabe bringen (Angst vor einem Referat, das falsche Thema der Masterarbeit, oder schlicht Überforderung.). Dann macht es Sinn, erst einmal die Wurzel allen Übels zu hinterfragen und gegebenfalls etwas zu ändern. Denn nur so kann man Prokrastination effektiv umgehen 🙂

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